Jetzt, da ich das Kapitel „erster Kuss“ verlasse, taucht tief aus meinem Inneren eine weitere Form der Liebe in meinen Gedanken auf. Die kindliche Liebe zu unseren Eltern. Das ist ein sehr herbes Kapitel, denn gerade diese  Liebe war für mich mit sehr großen Schmerzen verbunden.

Ich habe meine Eltern sehr geliebt. Mit einer unglaublichen Inbrunst und Überzeugung. Das wird wohl jeder von Euch getan haben. Jedenfalls für mich war und ist das bis heute so. Wann die kindliche Liebe beginnt wissen wir nicht. Sie scheint uns angeboren oder begründet sich vielleicht auf einem Urvertrauen. Urvertrauen entsteht dann, wenn Eltern ein kindliches Bedürfnis erkennen und stillen. Ein Baby lernt: Für mich wird gesorgt, wenn ich etwas brauche. Das ist eigentlich bereits das Geheimnis, wie ein Kind ein starkes Urvertrauen ausbilden kann. Darüber hinaus will sich der Säugling angenommen und geliebt fühlen. Dieses Gefühl entsteht durch häufigen Körper- und Hautkontakt und eine intensive liebevolle Beschäftigung mit dem Kind. So habe ich wohl in dieser Lebensphase Glück gehabt. Das Vertrauen und die Liebe zu meinen Eltern war vorhanden und so entstand die kindliche Liebe zu meinen Eltern.

Für diese Liebe musste ich jedoch sehr oft, fast täglich, sehr viel Schmerz ertragen. Beide Eltern, so weiß ich das heute, waren mit ihrem Leben und ihrer Lebenssituation überfordert.

Und dann kam ich. Ihr Kind der Liebe. Das haben sie in all den Jahren immer wieder betont. Du bist ein Kind der Liebe. Der Erst-geborene. Du warst unser Wunschkind!

Doch noch heute, wenn mich jemand den ich liebe verletzt und ich mich schwach fühle, versuche ich mich in der Außenwelt aufrecht zu halten, obwohl es mich innerlich zerreißt. Mein heutiges Alter und die Erfahrung aus den vielen Jahren schützen mich inzwischen aber auch sehr gut. So falle ich nicht mehr in ein unglaublich schwarzes Loch.

Der größte Schmerz hat meine Liebe nie beeinträchtigt

Wenn mein Vater mich schlug, mit seinen großen Fäusten, seinem Gürtel oder mit dem, was er gerade greifen konnte, egal wie stark ich blutete, oder ob ich vor Schmerzen wimmerte, er konnte damit meine Liebe und Bewunderung für ihn nicht töten. Das gleiche gilt für meine Mutter. Manchmal musste ich innerlich lachen, wenn ein Kleiderbügel brach und sie nicht weiter hauen konnte, oder atemlos und erschöpft von der aufgewendeten Kraft, endlich von mir ab ließ. Natürlich hatte ich oft das Gefühl das mein Vater mir die Seele aus dem Leib prügelt. Oder war es seine, und ich hatte nur zu großes Verständnis. Ich weiß es nicht. Ich kannte es nicht anders.

Zwischen 5 und 13 lernte ich jeden Schlag und sei er noch so hart zu verkraften. Manchmal konnte ich kaum laufen, oder in der Schule sitzen vor Schmerz. Konnte mich kaum bewegen. Heulte mir nachts die Seele aus dem Leib und doch ertrug ich es tapfer. Habe nie darüber gesprochen. Mit keinem. Doch um mich herum waren auch Menschen, die ein Gefühl für den Schmerz hatten. Das war tröstlich.

Es gab in dieser schweren Zeit ein Mädchen in meiner Klasse, die sogar ein unendliches Gespür dafür hatte. Marion. Sie lebt noch in meiner alten Heimatstadt, dem „Tal der Tränen“, wie ich es heute immer noch nenne. Wir haben uns beim Klassentreffen gemeinsam an diese Zeiten erinnert. Wir haben beide, unter einer durchgeknallten, drogensüchtigen Klassenlehrerin gelitten. Die hatte von unseren Eltern die Erlaubnis, uns für jegliches Vergehen in der Schule zu prügeln. Unglaublich aber wahr. Und die nutze das zur Genüge.  Wir marschierten oft Hand in Hand, während des Unterrichts in die Apotheke, um der geliebten „Pankau“ ihre Tabletten zu holen. Wir fühlten uns dann geeint und stark, in dem gemeinsamen Los das wir ertrugen.

Liebe kann so wahnsinnig groß sein,das sie dir sogar,die Angst vor den Schmerzen nimmt!

Jedoch noch schlimmer ist es, wenn die geliebten Eltern dich in ein Auto verfrachten und dir androhen, das sie dich gleich in ein Heim bringen. Das ist ein Augenblick in der in einer Kinderwelt, alles woran du glaubst, zerbricht. Echt jetzt. Da heulst du dir die Seele aus dem Leib. Die Trennung von den Geliebten, allein die Vorstellung davon, lässt dich niederknien und alles versprechen, nur damit das nicht stattfindet. Du würdest tausende Schläge mehr aushalten, aber bitte keine Trennung. Lieber an dieser Stelle sterben. Aber nicht weg. Wenn ich mir das heute überlege, ist das eine Situation kurz vor dem Wahnsinn.

Ja. Prügel macht ängstlich und misstrauisch. Ja. Und unter Umständen für ein ganzes Leben. Kinder verprügeln kann diese verformen, degenerieren und zerstören. Genauso wie sexuelle Gewalt.

Ich habe Glück gehabt. Mir wurde mit der Geburt etwas mitgegeben. Mein Karma wusste, das die Prügel keine Bedeutung hat. So ist ist mir es gelungen, frei von diesen Einflüssen zu bleiben. Mit 13 habe ich meiner Mutter die Arme festgehalten und gesagt:“ Rührst du mich noch einmal an,mach ich dich alle!“

Das war ein Moment äußerster Not. Es blieb das Bewusstsein. Das hätte ich niemals wirklich tun können. Sie hat es nicht mehr getan.

Und ich hätte und werde das nie können. Einen Menschen alle machen.

Jeder ist zwar ein Produkt seines Umfeldes. Ob mit oder ohne ein tolles Elternhaus. Ich weiß jedoch heute, das jeder von uns, in sich Anlagen hat, auch den grausamen Schmerz der von geliebten Menschen verursacht wird, zu ertragen und zu verarbeiten.

Und all diese Erfahrungen in eine ganz andere Liebe zu wandeln. Die Liebe in mir hat es ermöglicht, das ich die Hölle aus Schmerz überwunden habe. Das war vielleicht die größte Leistung meines Lebens.

Ich bin ein guter Mensch geworden. Ein Diplomat. Ein Mittler in einer streitsüchtigen brutalen Welt. Ich versuche jeden Tag, anderen eine Hilfe, Stütze und ein Freund zu sein. Jeden Tag. Und das ist mein persönlicher Sieg über das gemeine Übel das ich erfahren habe. Meine Eltern haben mich hart geschlagen, aber nicht zerstört. Die Liebe in meinem Herzen konnten sie nie zerstören und sie wird mich überleben. Ich hoffe das ich sie weiter geben kann. An meine Enkel und Kinder. Es lohnt sich die Liebe zu bewahren. Sie jeden Tag wie eine kleine Blume zu gießen und sie bei schlechten Wetter in die Sonne zu tragen, damit es ihr immer gut geht.

Die spätere Liebe zu meinen Eltern veränderte sich mit den Jahren, von der grenzenlosen Liebe in Eine, die geprägt war von Respekt und Anerkennung. Die Erfahrungen der Kindheit haben später viele meiner Entscheidungen beeinflusst. Je mehr Erfahrungen ich in der Liebe gemacht habe, um so größer wurde meine Vorsicht. Die Bereitschaft Schmerz für die Liebe in Kauf zu nehmen, nahm mit zunehmendem Alter ab. Und ob das Folgen hatte erfahrt ihr im nächsten Kapitel. Fortsetzung folgt…….

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