Lupenreiner Jazz! Philipp Weiss und das Steve Kuhn Trio”You Must Believe In Spring”
Gesang und Begleitung: Lupenreiner Jazz!

Seit einigen Jahren tut sich was im Vokaljazz. Nicht nur, dass diese Musik beliebter wird, auch viele neue Jazzvokalisten, vornehmlich Sängerinnen, treten in Erscheinung. Aber die Männer holen auf ! In jüngerer Zeit kommen auch aus Deutschland neue Talente: Tom Gäbel hat sich bisher konsequent einem (“easy listening“) Swingstil verschrieben, wie er von Sinatra immer noch am besten vertreten wurde. Jeff Cascaro und Stefan Gwildis bedienen mit guten Stimmen mehr die Blues-und Soul Gemeinde. Und Roger Cicero hat längst gezeigt, was für ein fähiger Jazzvokalist er sein kann. Seine deutsche Swing-CD und besonders die zwei englischsprachigen Jazzalben beweisen in ihrer musikalisch extremen Unterschiedlichkeit Ciceros jazzorientierte Versiertheit und Vielseitigkeit, die sehr ungewöhnlich und erstaunlich sind.
Mit dem Münchner Philipp Weiss kommt nun eine neue männliche Stimme des Jazz dazu. Sie unterscheidet sich aber merklich von den Vorherigen. Obwohl die CD bereits im Mai 2005 erschien, und sie auch schon ca. 6 Monate in meinem Regal steht, habe ich sie erst jetzt “wirklich“ entdeckt. Denn nicht immer zündet eine CD auf Anhieb und die nötige, konzentrierte Zuwendung wird verschoben auf unbestimmte Zeit.
Sein erstes Album „ You Must believe In Spring“ widmete er ganz den klassischen Jazzballaden. Wenn auch die CD mit Weiss’ unlockerem Gesangsfluss beim ersten Hören wenig spektakulär scheint: die hohe Qualität seiner subtilen Interpretation bemerkt man, nachdem man die Songs und auch ihre Texte besser kennt. Das ihn begleitende renommierte Steve Kuhn Trio mit seinen ausgezeichneten Solisten ist in großem Maße mit verantwortlich für dieses wunderbare Ergebnis.
Der Gesangsstil von PhilippWeiss auf dieser ersten CD ist erstaunlich jazz-reif, anspruchsvoll und von großer Individualität. Seine Tonlage ist der Bariton, aber dennoch ist seine Stimme oft von hellerer Klangfarbe. Die weiche, fast feminin klingende Modulation in seinem Vortrag erinnert im Ausdruck viel eher an weibliche Jazzstimmen, denn an bluesige Rauhbeine wie Ray Charles oder B.B. King. Vergleiche sind oft zwiespältig; können aber auch hilfreich sein, wenn man einen Gesangsstil beschreiben will. Philipp Weiss’ Art zu singen ist wohl eher an JazzSängerinnen orientiert.
Am ehesten möchte ich ihn mit der bedeutenden zeitgenössischen Jazzsängerin Dianne Reeves vergleichen. Hört man sich Reeves Balladenalbum „That Day“ ( 1997) an, kann man „You Must believe In Spring“ von P. Weiss als frappierend perfektes, männliches Pendant empfinden. Das auffallendste Merkmal im Jazzgesang von Weiss ist die Sensibilität und sein prägnanter Umgang mit dem Text und seiner Bedeutung.
Bedächtig bis „beschwörend“ betont er die Lyrics ebenso, wie es Dianne Reeves zu eigen ist. Mit filigraner Phrasierung “kriecht“ er förmlich in die einzelnen Worte der Songs. Keine Silbe, ja, kein einziger Buchstabe darf verloren gehen!
Wie er die Pausen zwischen den Silben anlegt, um dann die folgenden Worte noch nachdrücklicher zu akzentuieren, wie er die Lautstärke seines Singens auffallend variiert; all das erkennt man auch bei Dianne Reeves. Dabei verliert er trotz dieser interpretatorischen Seelenverwandschaft niemals sein ganz persönliches, sehr warmes Jazzfeeling. Die stark gefühlsbetonte Interpretation ist sein Stil, hält sich aber in Waage mit seiner Präzision für Melodie und Text. So wie er auf dieser CD singt, scheint er ein Balladensänger „ par exellence“ zu sein! Songs im Midtempo gelingen ihm sachte, aber ein dynamisches Swingen ist wohl eher nicht sein Stil.
Insgesamt ist „You Must Believe In Spring “ ein wunderbares, lupenreines Jazzalbum geworden. Eigenständige Arrangements, viele Soli der Musiker, die exquisite Songauswahl, und Philipp Weiss’ intensiver und reifer Gesang sind für mich von einer zeitlosen Qualität. Gelungenste Titel: „I Fall in Love Too Easily“, “My Foolish Heartâ€? und “Will Be together Againâ€? . Das Album kann ich gut in die besten Vokaljazzproduktionen der letzten Jahre einreihen.
Fünf Sterne! *****
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